Versteckter Zucker in Lebensmitteln – von yfood bis Milchschnitte. Was die Industrie macht, wie der Nutri-Score ausgetrickst wird und was wirklich drin steckt.

Artikel zuerst veröffentlicht: Mai 2024 | Überarbeitet: Mai 2026

Wir waren auf dem Weg zur Gamescom. Zu Fuß von der Innenstadt über die Deutzer Brücke, durch den Bahnhof Köln-Deutz. Und da standen sie: drei Stände, an denen yfood kostenlos verteilt wurde. Meine Kinder — Jugendliche, hellwach, Gamescom-Modus — haben an allen drei Stationen zugeschlagen und sich die Flaschen eingepackt wie einen Schatz.

Ich hab danebengstanden und die Zutatenliste gelesen.

Fettarme Milch, Wasser, Milcheiweiß, Maltodextrin, Sucralose, Aromen, Stabilisatoren, Vitaminpulver aus dem Labor. Und auf der Vorderseite: Nutri-Score A. Ohne Zuckerzusatz. 26 Vitamine und Mineralstoffe.

Das war der Moment, in dem dieser Artikel entstand.

Was ist da eigentlich drin?

Sebastian Lege, Koch und Produktentwickler, hat yfood in seiner Werkstatt für ZDF besseresser nachgebaut. Sein Ergebnis: fettarme Milch als Basis, etwas Kokosmilch, billiges Eiweißpulver, Rapsröl, Haferfasern als Streck- und Bindemittel, Reispulver, Vitaminpulver für wenige Cent aus dem Labor — und fertig ist die vollwertige Mahlzeit. Herstellungskosten laut Lege: rund 95 Cent. Verkaufspreis: 3,60 Euro die Flasche.

Und dann sagt er noch etwas, das mich nicht losgelassen hat: Flüssigkeiten verdaut der Magen schneller als feste Nahrung. Der Körper nimmt nur einen Bruchteil der enthaltenen Nährstoffe auf.

Eine vollwertige Mahlzeit. In einer Flasche. Die der Magen durchrauscht wie Wasser.

Der Nutri-Score-Trick

Wie bekommt ein solches Produkt ein grünes A?

Ganz einfach: kein Zucker. Stattdessen Sucralose — ein künstlicher Süßstoff, der 600-mal stärker süßt als Haushaltszucker und keine Kalorien enthält. Das macht das Produkt auf dem Papier gesünder. Dazu Haferfasern und Reispulver, die den Ballaststoffwert nach oben drücken — und damit den Score. Das System wird nicht gebrochen. Es wird gespielt.

Nutri-Score einfach erklärt

Ein einfaches Beispiel zeigt, wo der Nutri-Score an seine Grenzen stößt: Ein Schokoladenkuchen hat vielleicht ein D.

Wer jetzt frische Erdbeeren, Bananen oder Orangen obendrauf legt, hofft vielleicht, dass das die Bewertung verbessert. Tut es aber nicht — denn der Nutri-Score bewertet immer nur das einzelne, definierte Produkt, nie eine selbst zusammengestellte Mahlzeit. Der Kuchen bleibt D.

Das Obst hat seinen eigenen Score, meistens A oder B. Gegessen wird trotzdem beides zusammen — bewertet wird es getrennt. Das System kann Essen nicht denken. Es kann nur rechnen.

Schokokuchen pimpen

Anders sieht es aus, wenn das Obst eingebacken wird. Dann entsteht ein neues Gesamtprodukt mit neuen Nährwerten — und der Score wird neu berechnet. Das Obst bringt mehr Ballaststoffe, mehr Wasser und damit eine geringere Kaloriendichte.

Ein sehr fruchtreicher Bananen-Schokokuchen könnte so von D auf C rutschen. Aber: Das Fett, das Mehl, der zugesetzte Zucker — die bleiben. Ein paar Erdbeerstückchen im Teig ändern praktisch nichts.

Der Unterschied zwischen drauflegen und einbacken ist also der Unterschied zwischen Mahlzeit und Produkt. Nur wer das Rezept neu definiert, darf den Score neu berechnen.

Foodwatch nominierte yfood deshalb für den Goldenen Windbeutel 2023 — die Auszeichnung für die dreisteste Werbelüge des Jahres.

Aber was ist eigentlich Zucker?

Bevor wir zur Lebensmittelindustrie kommen, kurz zum Stoff selbst — denn nicht jeder Zucker ist gleich.

Kohlenhydrate sind essenzielle Makronährstoffe. Unser Körper braucht sie. Die Frage ist immer: welche, wie viel, und woher.

Schematische Darstellung der drei Kohlenhydratgruppen: Ein einzelnes Sechseck steht für Monosaccharide (Einfachzucker), zwei verbundene Sechsecke für Disaccharide (Zweifachzucker) und eine Kette aus vier Sechsecken für Polysaccharide (Mehrfachzucker).
  • Vorteile: Monosaccharide sind die einfachsten Zucker und können vom Körper schnell aufgenommen und als Energiequelle genutzt werden.
  • Nachteile: Ein übermäßiger Konsum von Fruktose, insbesondere aus zugesetzten Zuckerquellen wie Softdrinks, kann mit einem erhöhten Risiko für Fettleibigkeit, Insulinresistenz, Lebererkrankungen und Herzerkrankungen verbunden sein.
  • Vorteile: Disaccharide sind natürliche Bestandteile vieler Lebensmittel und können moderate Mengen an Energie liefern.
  • Nachteile: Ein übermäßiger Verzehr von zugesetzten Disacchariden wie Saccharose kann zu einer übermäßigen Kalorienaufnahme und einer erhöhten Gefahr von Zahnkaries führen. Einige Menschen können auch Schwierigkeiten haben, Laktose zu verdauen, was zu Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Durchfall führen kann.
  • Vorteile: Diese komplexen Kohlenhydrate werden langsamer verdaut und geben über einen längeren Zeitraum kontinuierliche Energie frei. Sie enthalten oft auch Ballaststoffe, die die Verdauung fördern und das Sättigungsgefühl erhöhen.
  • Nachteile: In großen Mengen konsumiert können sie zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels führen, insbesondere bei raffinierten Stärkequellen wie weißem Brot und weißem Reis. Ein übermäßiger Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln, die Maltodextrin enthalten, kann auch mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht und damit verbundene Gesundheitsprobleme einhergehen.

Kann Zucker süchtig machen?

Das klingt dramatisch. Aber die Frage wird von Forschenden zunehmend ernst genommen.

Zucker stimuliert die Freisetzung von Dopamin im Gehirn — ein Gefühl der Belohnung. Langfristiger übermäßiger Konsum kann zu einer Toleranzentwicklung führen: das Verlangen wächst, die Wirkung lässt nach.

Wie bei anderen Suchtmitteln kann der Konsum von Zucker bestimmte Verhaltensmuster auslösen — das Verlangen nach Zucker in stressigen Situationen, der zwanghafte Griff zur Süßigkeit, auch wenn man satt ist.

 

Bei einem plötzlichen Abbruch des Zuckerkonsums können Kopfschmerzen, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und verstärktes Verlangen auftreten — ähnlich wie bei anderen Suchtmitteln.

Natürlich macht nicht jeder Genuss sofort abhängig. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen — vor allem wenn Produkte mit „zuckerreduziert“ oder „ohne Zuckerzusatz“ werben. Sucralose ist kein Zucker. Aber es ist auch keine Lösung.

Was die Lebensmittelindustrie damit macht

Zucker ist billig. Fett ist billig. Beides lässt sich nutzen, um auf teurere Zutaten zu verzichten — und trotzdem Produkte zu verkaufen, die gesund wirken.

Zucker steckt in vielen Lebensmitteln, wo eins ihn nicht vermutet: in Suppen, Soßen, Müsliriegeln, Salatdressings. Der Zusatz verbessert Geschmack und Textur, erhöht die Attraktivität — und die Kundenbindung.

Zucker wirkt als Geschmacksverstärker. Lebensmittel mit Zuckerzusatz erscheinen süßer, schmackhafter — und sorgen dafür, dass eins mehr davon essen möchte.

„Natürlich“, „gesund“, „energiereich“ — diese Begriffe auf der Verpackung erwecken den Eindruck einer guten Wahl, auch wenn der Zuckergehalt hoch ist. Der Nutri-Score sollte helfen. Wie wir gesehen haben, lässt er sich austricksen.

Unternehmen investieren in Forschung, um Produkte zu entwickeln, die Geschmackstrends treffen — und eine süchtig machende Wirkung entfalten können. Das ist kein Zufall. Das ist Absicht.

Zucker ist ein preisgünstiger Inhaltsstoff. Er erhöht die Gewinnmarge, weil er teurere Zutaten ersetzt — und trotzdem einen höheren Verkaufspreis rechtfertigt, den Markenbekanntheit und Marketing tragen.

Rückseite einer Packung Geflügel-Würstchen mit Zutatenliste und Nährwerttabelle. Die Zutaten enthalten unter anderem Dextrose, Kartoffelstärke, Stabilisatoren, Antioxidationsmittel und den Konservierungsstoff Natriumnitrit.

Wie wir schon als Kinder trainiert wurden

Aber das hat Tradition. Schon in unserer Kindheit lief Werbung, die uns beibrachte: Süßes ist gut, Süßes ist gesund, Süßes macht stark.

Die Fruchtzwerge waren „so wertvoll wie ein kleines Steak“ — mit gerade mal 6% Fruchtanteil. Bei der Markteinführung 1981 enthielten sie fast 17 g Kohlenhydrate und 7,8 g Fett pro 100 g. Heute sind es 9,8 g Zucker und 2,5 g Fett — 40% weniger Zucker, 68% weniger Fett. Ein Fortschritt. Aber einer, der nicht freiwillig kam: Das Oberlandesgericht Wien stufte den Trick mit „Ohne Kristallzucker“ — der in Wirklichkeit Traubenzuckersirup bedeutete — als irreführend ein.

Nestlés „Die Weiße“ — ein Produkt, bei dem Zucker der erste Inhaltsstoff ist und rund 45–50 g pro 100 g ausmacht — wurde mit Vanille und Milch beworben, als wäre es ein Genuss mit Nährwert. Dasselbe Nestlé, das in wasserarmen Regionen Grundwasser fördert, um es teuer weiterzuverkaufen. Deshalb: keine Nestlé-Produkte in meinen Empfehlungen.

40 Jahre später

Besonders perfide: die Milchschnitte. „Das ist ein Pausenbrot, das Kinder wirklich essen“ — mit Milch und Honig und Getreide. Im Werbespot lässt das Kind sein echtes Pausenbrot absichtlich zuhause, die besorgte Mutter klagt, die wissende Nachbarin hat die Lösung. Klassisches Guilt-Marketing: die Sorge der Eltern wird zur Verkaufsfläche.

Was wirklich drin steckt: Palmöl als zweiter Inhaltsstoff nach Vollmilch, 29,5 g Zucker pro 100 g, fast 28 g Fett — davon 16,6 g gesättigte Fettsäuren. Der Honig? 5 Prozent. Mit Milch und Honig und Getreide — technisch nicht gelogen. Aber die Reihenfolge erzählt die eigentliche Geschichte.

Milky Way schwamm in Milch — „so leicht“. Diese Sätze klingen vierzig Jahre später immer noch nach. Das ist kein Zufall. Das ist Absicht.

Zuckerersatzstoffe — die vermeintliche Lösung

Sucralose, Aspartam, Saccharin, Sorbitol, Xylitol — die Industrie hat viele Antworten auf den schlechten Ruf von Zucker. Aber sind sie wirklich besser?

Einige Ersatzstoffe wie Aspartam, Sucralose und Saccharin können den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Obwohl sie keine Kalorien enthalten, können sie Appetit und Verlangen nach Süßem erhöhen — was zu einer gesteigerten Kalorienaufnahme führen kann.

Sorbitol, Xylitol und andere Zuckeralkohole können bei manchen Menschen Blähungen, Durchfall und Magenkrämpfe verursachen. Süßstoffe, die zu Durchfall führen, können Dehydration auslösen — besonders bei älteren Menschen und Kindern ein ernstes Problem.

Wer regelmäßig Ersatzstoffe konsumiert, gewöhnt sich an intensive Süße. Das kann dazu führen, dass natürlich gesüßte Lebensmittel nicht mehr reichen — und der Griff zu kalorienreicheren Produkten zunimmt.

Die Forschung zu langfristigen Auswirkungen ist noch nicht abgeschlossen. Es gibt Hinweise auf mögliche Zusammenhänge mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

 

Einige synthetische Süßstoffe können Umweltauswirkungen haben, insbesondere wenn sie aus nicht-nachhaltigen Quellen stammen.

 

📷 High-Protein Trinkmüsli selbst gemacht aus frischen Zutaten.

Auf einem Holztisch stehen ein Trinkglas mit grünem Deckel und Strohhalm, eine Flasche Pflanzenmilch, ein Weckglas mit selbst gemachtem Joghurt sowie Himbeeren und Haferflocken. Im Hintergrund eine helle Küche.

Zuckerersatzstoffe und Quarantäne

Ich habe das am eigenen Küchentisch erlebt — oder genauer gesagt: auf Kosten meiner Tochter.

Wir waren 2009 in der Kur. Ich hatte Teegranulat gekauft und mich vergriffen — Light-Produkt statt normal. Als ich beim Arzt war, hat sie es genommen und kurzerhand leergemacht. Am nächsten Morgen hatte sie Durchfall. Da in der Klinik gerade der Norovirus umging, kam sie sofort in Quarantäne. Ich konnte den Irrtum erst mittags aufklären.

Den Zusammenhang hätte ich damals fast nicht hergestellt — wenn ich nicht aus einer ganz anderen Ecke darauf gestoßen wäre. Meine Oma hatte im Altenheim immer wieder Durchfall, und irgendwann fiel unserer Familie auf: Sie bekam als Diabetikerin  Natrén-Saft zum Trinken — Diabetikerprodukte, gesüßt mit Zuckeralkoholen. Niemand hatte den Zusammenhang gezogen. Wir schon.

Zuckeralkohole wie Sorbitol und Xylitol stehen auf keiner Warnliste. Sie gelten als gesündere Alternative. Aber der Darm denkt anders darüber.

Was stattdessen?

Kein selbstgemachtes yfood. Das wäre ehrlich gesagt die falsche Antwort — denn das Konzept selbst ist das Problem. Alles in einer Flasche, alle Nährstoffe perfekt abgestimmt, haltbar, ungekühlt, schnell: das schafft eins zuhause nicht. Und das muss eins auch nicht.

Was eins stattdessen kann: Eine Thermoflasche* mit dem High-Protein-Trinkmüsli — Milch, Joghurt, Haferflocken, Obst, optional Nüsse — fertig in fünf Minuten, echte Zutaten, kein Labor, kein Sucralose. Einen Thermobecher* mit Quark und Obst. Ein gutes Brot mit sättigenden Zutaten. Dinge, die der Magen tatsächlich verdaut — weil er sie kauen muss.

Das ist keine romantische Gegenbewegung. Das ist einfach Essen.

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🔍 Verbraucherthemen – was steckt wirklich drin?

Diese Sammlung wird ständig ergänzt.

📚 Quellen & Weiterführendes

ZDF besseresser / Sebastian Lege: Magere Mahlzeit — Sebastian baut yfood aus Milch nach
YouTube, Oktober 2022

Foodwatch: Goldener Windbeutel 2023 — yfood

FITBOOK: So gesund ist die Trink-Mahlzeit yfood wirklich
Juli 2025

Ernährungs-Umschau: FruchtZwerge — geringster Zuckergehalt seit Markteinführung
März 2024

Oberlandesgericht Wien: Urteil Dezember 2005 (Fruchtzwerge-Werbung irreführend)

das-ist-drin.de: Ferrero Milchschnitte — Nährwerte und Inhaltsstoffe

Verbraucherzentrale Bayern: Marktcheck Veggie-Burger und Bowls to go
2024

BZfE: Weniger Zucker, Fette und Salz

yfood Labs: Produktseiten und Zutatenlisten
Stand Mai 2026

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Weniger Zucker, Fette und Salz

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Hochverarbeitete Lebensmittel enthalten viel Zucker, Fett und Salz. Die Grundlage für eine bewusste und gesunde Ernährung sollten daher weniger verarbeitete Lebensmittel sein. Frisch zubereitete Lebensmittel enthalten nicht nur weniger Fette, Salze und Zucker, sondern viele wichtige Nährstoffe, die der Körper benötigt um gesund und leistungsfähig zu bleiben.

Augen auf bei Veggie-Burgern und Bowls to go

Pflücksalat. In fertig angemischten Salaten in Restaurants und Fast-Food Ketten finden sich mehr Zucker, als allgemein angenmmen wird.

Stichprobe entdeckt mehr Zucker als gedacht

 

(BZfE) – Viele wünschen sich auch beim Essen to go gesunde und vollwertige Gerichte. Inzwischen bieten Fastfoodketten immer häufiger vermeintlich gesündere Alternativen zu Pizza und Co. an. In Salat-Bowls und Veggie-Burgern kann aber überraschend viel Zucker stecken, hat ein Marktcheck der Verbraucherzentrale Bayern gezeigt