Erstveröffentlichung: 20. Mai 2026 | Weltbienentag | #PinfsKochstudio
… und warum das Gold im Glas so viel wert ist
Ich wollte das schon immer mal sehen. Nicht nur lesen, nicht nur schauen – sondern wirklich dabei sein. Wie entsteht Honig? Nicht die Supermarkt-Version dieser Frage, sondern die echte. Die mit Waben und Schleuder und klebrigen Händen.
Die Gelegenheit kam im Sommer 2023. Ein befreundetes Imkerpaar in NRW – die Kinder hatten Ferien, ich hatte eine Kamera und einen Plan. Also haben wir uns ins Auto gesetzt, sind von RLP nach NRW gefahren und haben einen Tag lang zugeschaut, mitgemacht und sehr, sehr viel genascht.
Es war einer der besten Tage des Jahres.
Was uns da erwartete
Mein Sohn hat an dem Tag kräftig mitgeholfen. Die Mutter der Imkersfrau hat entdeckelt – das heißt, sie hat mit einem speziellen Messer die Wachsdeckel von den Waben abgenommen, damit der Honig herauskommt. Und dann kam die Schleuder.

Eine manuelle Schleuder. Das klingt harmloser als es ist. Die Rähmchen kommen rein, dann dreht eins – und das muss man sich vorstellen wie Fahrradfahren bergauf, aber mit den Armen. Mein Sohn hat tapfer durchgehalten. Zwischendurch ist die Schleuder kaputtgegangen und musste repariert werden, bevor es weitergehen konnte. Solche Tage haben ihren eigenen Rhythmus.
Wenn der Honig dann aus der Schleuder fließt, läuft er über einen Ablaufhahn in einen Eimer – über dem Eimer hängt ein Sieb, das Wachsreste auffängt. Was unten ankommt, ist bereits goldklarer Honig. Wir haben natürlich sofort probiert.
Eins sage ich euch: Das war der beste Honig unseres Lebens. Wir haben 500 Gramm mitgenommen und zuhause behandelt wie reines Gold. Nicht einfach aufgegessen. Rationiert. Zum Backen wäre er mir zu schade gewesen.
Warum schmeckt der so viel besser?
Weil er von Blüten kommt, die man kennt. Je nachdem wo die Bienen stehen und welche Blüten sie anfliegen, schmeckt der Honig völlig anders. Der Imker hatte an dem Tag auch einen Brombeerhonig – der tatsächlich nach Brombeeren schmeckte. Nicht nach Zucker, nicht nach „Honig allgemein“ – nach Brombeeren. Ich fand das schlicht faszinierend.
Der Honig, den wir mitgenommen haben, bestand hauptsächlich aus Lindenbltüte. Die Linde hatte in jenem Jahr nur anderthalb Wochen gebüht – aber intensiv genug, dass der Großteil der Ernte aus dieser kurzen Zeit stammte.
Und dieser Unterschied zum Supermarkt? Den merkt eins beim ersten Löffel.
Wie Bienen Honig machen – Schritt für Schritt
Jetzt kommt der Teil, der mich an diesem Tag wirklich umgehauen hat. Ich wusste grob wie Honig entsteht. Aber die Details – die sind verrückt.
Alles beginnt damit, dass die Sammlerinnen ausfliegen. Das sind immer Weibchen, und sie suchen Blüten. Pro Ausflug besucht eine Biene 50 bis 100 Blüten, manchmal etwas mehr. Den Nektar saugt sie mit ihrem langen Rüssel auf – aber sie schluckt ihn nicht in den normalen Magen. Sie hat einen extra Honigmagen. Ein zweiter Tank, ausschließlich für den Transport.
Zurück im Stock gibt sie den Nektar weiter – von Biene zu Biene, Mund zu Mund. Das klingt seltsam, hat aber einen Namen: Trophallaxis. Und dabei passiert schon etwas Entscheidendes: Im Speichel jeder Biene stecken Enzyme. Die verwandeln den Blütenzucker – und legen damit den Grundstein dafür, dass Honig sich monatelang hält.
Dann heißt es fächeln. Die Bienen schlagen mit ihren Flügeln, bis der Wassergehalt des Nektars auf unter 20 Prozent gesunken ist. Frischer Nektar besteht zu 40 bis 80 Prozent aus Wasser – von diesem Wasser bleibt am Ende kaum etwas übrig. Das dauert Tage.
Wenn der Honig reif ist, kommt der Wachsdeckel drauf. Versiegelt. Haltbar. Fertig.
Und dann erst kommt der Imker.
Was in einem Glas Honig steckt
Kurz mal innehalten. Für 500 Gramm Honig fliegen Arbeitsbienen rund 40.000 Mal aus und legen dabei insgesamt etwa 120.000 Kilometer zurück. Für ein Pfund Honig fliegen Bienen dreimal um die Erde.
Dreimal um die Erde. Für ein Pfund Honig. Das steht auf keinem Supermarkt-Etikett.
Das Sammelgebiet eines einzigen Bienenvolkes umfasst dabei ungefähr 50 Quadratkilometer – das entspricht in etwa der Kölner Innenstadt. Alles was innerhalb dieses Radius blüht, könnte theoretisch in dem Glas landen, das ihr gerade im Schrank habt.

Was ein Bienenvolk wirklich ist
An dem Tag haben wir nicht nur geschleudert. Der Imker hat uns auch die Stöcke gezeigt – und erklärt, was da eigentlich drin passiert.
Ein Bienenvolk ist riesig. Im Sommer leben bis zu 50.000 Bienen zusammen, bei starken Völkern noch mehr. Fast alle sind Weibchen. Die Drohnen – die Männchen – gibt es nur etwa 800 bis 1.000 pro Volk. Ihre einzige Aufgabe ist es, die Königin beim Hochzeitsflug zu begatten. Danach werden sie aus dem Stock gejagt. Sie können sich nicht selbst ernähren und sterben. Das Leben eines Drohns ist kurz und hat einen einzigen Zweck.
Die Arbeiterinnen hingegen sind die Kleinsten im Volk – gerade mal 12 bis 15 Millimeter groß – und wechseln ihre Aufgabe je nach Alter. Ganz junge Bienen putzen Zellen und wärmen die Brut. Etwas älter werden sie zur Amme und füttern die Larven. Später bauen sie Waben und erzeugen Wachs. Erst ab etwa dem 22. Lebenstag fliegt eine Biene zum ersten Mal aus – und sammelt dann bis zu ihrem Tod, der nach weiteren zwei bis drei Wochen kommt.
Die Königin
Die Königin ist die einzige im ganzen Volk, die befruchtete Eier legt. Der Imker hat sie uns auf der Wabe gezeigt – wer weiß, wonach man sucht, erkennt sie: etwas länger, ruhigere Bewegungen, ein etwas breiterer Hinterleib. Sie legt bis zu 3.000 Eier pro Tag. Ob aus einer Larve eine Königin wird oder eine Arbeiterin, entscheidet sich allein durch das Futter in den ersten Lebenstagen. Königinnen bekommen länger Gelée Royale – das ist alles, was den Unterschied macht.
Aus einem Ei wird übrigens in genau 21 Tagen eine fertige Arbeitsbiene: drei Tage als Ei, sechs Tage als Larve, dann wird die Zelle mit Wachs verschlossen, und nach weiteren zwölf Tagen schlüpft die neue Biene.
Warum das alles wichtiger ist als wir denken

Honigbienen sind keine Wildbienen – die sind für die Bestäubung heimischer Wildpflanzen noch unverzichtbarer. Aber Honigbienen zeigen, was Bienen generell leisten: Sie bestäuben Blüten. Ohne Bestäubung keine Früchte, kein Gemüse, keine Nüsse. Ungefähr ein Drittel unserer Nahrung hängt daran.
Was passiert, wenn Bienen fehlen, sieht man in manchen Teilen Chinas. Durch massiven Pestizideinsatz seit den 1980er Jahren gibt es dort kaum noch Bienen. Die Bauern bestäuben ihre Obstbäume von Hand – mit Pinseln und Wattestäbchen, auf Leitern, Blüte für Blüte. Millionen Menschen machen das. Stell dir das mal vor.
Ein Drittel unserer Nahrung. Von Hand bestäubt. Mit Pinseln.
Das Glas Honig im Schrank bekommt dann noch mal eine andere Bedeutung.
Und was ist mit dem Wachs?
Noch eine Zahl, die mich beeindruckt hat: Für ein Kilogramm Wachs verbrauchen die Bienen 7 bis 10 Kilogramm Honig als Energie. Wachs ist teuer erkauft – deshalb wird es beim Imker auch nicht weggeworfen, sondern eingeschmolzen und wiederverwendet.
Frühjahrstracht 2026 – ein kleines Update
Dieser Artikel entstand nach unserem Besuch im Sommer 2023. Seitdem hat sich bei unserem Imker einiges getan. Die Frühjahrstracht 2026 hat gerade alle Erwartungen übertroffen: über 300 Kilogramm – und das ist nur die Frühjahrs-ernte. Vor zwei Jahren waren es knapp 250 Kilogramm für das gesamte Jahr.
Was dabei herausgekommen ist, liest sich wie eine Speisekarte: 100 kg nach Obst mit Löwenzahn und einem Hauch Ahorn. 20 kg rein nach Löwenzahn. 24 kg wie Ahornsirup – perfekt für Pancakes. Und dann: 45 kg, die nach Kirsch-Lollies schmecken. Tatsächlich. Nach Sakura, nach Kirschblüte – natürlich, nicht künstlich. Und ich freue mich schon darauf, ihn probieren zu dürfen. Die Geschmacksrichtung wurde nach eigenem Geschmack erkannt und nicht durch eine Pollenanalyse.
Die Imkersfrau schrieb dazu: „Bin stolz auf Mann und Bienen.“ Ich auch. 🐝
Was steckt eigentlich in Honig?
Honig ist kein einfacher Zucker. Er enthält Enzyme, Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren und Aromastoffe – sowie Inhibine, natürlich vorkommende Substanzen. Dazu kommen Trauben- und Fruchtzucker sowie ein kleiner Wasseranteil.
Was traditionell über Honig erzählt wird – dass er bei Erkältungen helfe, den Schlaf fördere – ist in der Überlieferung seit Jahrhunderten bekannt. Was sicher ist: Er ist kein leeres Süßungsmittel. Und frischer Imkerhonig aus der Region ist dem industriell abgefüllten Supermarktprodukt geschmacklich wie qualitativ weit überlegen – das haben wir an jenem Tag selbst herausgefunden.
🍯 Alles rund um Honig
→ Löwenzahnhonig selber machen
→ Holunderblütenhonig selber machen
→ Rosenblütensirup selber machen
→ Wie Bienen Honig machen – World Bee Day
Weitere Blütenhonige folgen bald 🌸
📚 Quellen
Gespräch mit dem Imker vor Ort, Sommer 2023
Lehrgangsunterlagen zur Imkerei, bereitgestellt von der Imkersfrau
Anja Landmann, dpa, 18. Oktober 2016: „Die Honigbiene stirbt"
www.dib.de – Deutscher Imkerbund
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Buchempfehlung

Die Imkersfrau hat es mir ans Herz gelegt – und wer so leidenschaftlich über Honig spricht wie sie, dem vertraut eins beim Thema Bücher blind. „Honig – köstlich, gesund und vielseitig“ von Renate Frank aus dem Ulmer Verlag ist mehr als ein Rezeptbuch. Es erklärt wie Bienen Honig herstellen, was drin steckt und wie die Inhaltsstoffe auf den Körper wirken – und das alles mit über 180 Rezepten für jeden Anlass, von der Küche bis zur äußerlichen Anwendung. Wer einmal echten Imkerhonig probiert hat, will ihn auch richtig einsetzen. Dieses Buch zeigt wie. 🍯

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Eure Pinf
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