Erstveröffentlicht: 27. Dezember 2021 · Zuletzt überarbeitet: April 2026 · 2. Fassung

Immer wieder erlebe ich in sozialen Netzwerken wie hart die Fronten sind wenn es ums Essen geht. Vegan gegen Fleischesser, Bio gegen Discounter, Selbermacher gegen Fertigkost. Was mich dabei am meisten stört: Es fehlt die Bereitschaft zuzuhören. Die Empathie für andere Lebenssituationen. Das Verständnis dafür, dass nicht alle Menschen dieselben Möglichkeiten haben.

Dieser Artikel ist meine persönliche Meinung. Und ich stehe dazu.

Das Missionieren nervt – und es verletzt

Warum eine alleinerziehende Mutter mit behindertem Kind nicht vegan leben kann, interessiert nicht. Sagt sie es sind finanzielle oder gesundheitliche Gründe, kommen sofort Kommentare: „Nein, du willst nur nicht, das ist eine Ausrede!“ Und dann ergehen sich andere in tausende Beispiele was sie alles besser machen könnte.

Dass sie dabei die Gefühle der Mutter verletzen interessiert herzlich wenig. Dabei ist sie die Expertin in ihrer eigenen Situation. Sie lebt damit. Sie kämpft täglich um Würde, Schutz, Finanzen und die Gesundheit ihrer Familie.

Generell ist der Ton in sozialen Netzwerken rauer geworden. Das ist der Corona-Pandemie geschuldet (Das war damals der Pandemie geschuldet – heute sind es andere Krisen, aber der Ton ist geblieben.) Das darf jedoch keine Entschuldigung sein seine guten Umgangsformen zu vergessen.

Umweltschutz – ja, aber nicht als Keule

Natürlich mache ich mir Gedanken um den Umweltschutz. Wir essen wenig Fleisch – zum einen wegen unseres schmalen Geldbeutels, zum anderen weil ich darauf achte woher unser Fleisch kommt.

Meine erste Ausbildung begann ich mit 16 Jahren in einer Supermarktkette. Erlernter Beruf: Fachverkäuferin im Nahrungsmittelhandwerk, Fachrichtung Fleischerei. Was ich im ersten halben Jahr erlebt habe möchte ich hier nicht wiedergeben. Nur so viel: Ich habe lange keine Wurst mehr gegessen, bei der ich nicht wusste was drin ist. (Heutzutage gibt es viel strengere Vorschriften – ihr könnt beruhigt weiter essen.) Nach weiteren Jahren in echten Metzgereien und im Catering habe ich gelernt was Herkunft, Regionalität und nachhaltige Verarbeitung wirklich bedeuten.

Ja, Umweltschutz ist wichtig. Aber nicht jeder hat die finanziellen Mittel dazu. Und darüber wird nicht diskutiert.

Was Bürgergeld wirklich bedeutet

Wer Transferleistungen bezieht weiß was ich meine. Von dem Geld müssen bezahlt werden:

Miete, Strom, Telefon, Internet, Handy, Versicherungen, Fahrtkosten (Einkaufen, Therapien, Ärzte, Jobcenter, Tafel), Medikamentenzuzahlungen, Kleidung für Kinder, Schulmaterial, Schulausflüge, Hygieneartikel, Waschmittel, Porto, Schreibzeug – und erst wenn das alles bezahlt ist kommen die Lebensmittel.

Was bleibt davon übrig?

Der Regelsatz für eine alleinstehende Person lag bei Einführung des Bürgergelds bei:

449 € (HartzIV, 2022) → 502 € (Bürgergeld, 2023) → 563 € (2026) Einen Artikel mit aktuellen Zahlen findet ihr hier: Klick

Aufteilung des Regelbedarfs 2024 für Alleinstehende – 563 Euro pro Monat. Größter Posten Essen und Trinken mit 195,36 Euro. Reale Engpässe bei Mobilität, Strom und Gesundheit werden gegenübergestellt.

Für Kinder ist der Satz geringer – weil Kinder ja angeblich weniger brauchen.

Der Anteil für Lebensmittel im Regelsatz 2026 liegt bei ca. 193 € im Monat – das sind rund 6,43 € pro Tag für alles was auf den Tisch kommt.

Der Anteil für Strom: 38,07 € (2022)aktuell ca. 42 €. Ich zahle monatlich deutlich mehr. Wir haben LED-Lampen und energiesparende Geräte – wer die alten Geräte nicht tauschen kann, dem fehlt das Geld dafür. Neuanschaffungen fallen nämlich auch in diese Kategorie.

„Dann fahr doch mit dem ÖPNV!“

In vielen Städten gibt es ein Sozialticket. Bei uns nicht – und in vielen anderen Regionen auch nicht. Wer auf dem Land lebt ist auf ein Auto angewiesen. Das gilt nicht nur für Bürgergeldempfänger.

Und ja, ich habe das schon gelesen: „Dann zieh halt in die Stadt!“ Eine Leserin schrieb dazu: „Würde ich dem nachkommen, müsste ich meinen Mann und mein Kind zurücklassen, einen eigenen Hausstand gründen und wertvolle bezahlbare Wohnfläche blockieren. Oder meine Arbeit kündigen.“ Wohnraum ist knapp und für Menschen mit Transferleistungen erst recht kaum zu bekommen.

Allergien, Unverträglichkeiten, Krankheit – das kostet

In einer Diskussion um vegane Ernährung wurden Hülsenfrüchte und Bohnen als günstige Alternative genannt. Ich finde das grundsätzlich toll. Nur: Ich bin dagegen allergisch. So wie mir geht es vielen anderen Menschen in unterschiedlichen Varianten.

Und dann die Fertigprodukte: Ich muss bei jedem Kauf die Zutatenliste prüfen – was übrigens rechtlich nicht immer vollständig sein muss. Verbraucherschützer fordern seit Jahren Änderungen. Ich habe oft schlicht nicht die Zeit mich stundenlang durch Zutatenlisten zu wälzen.

Krankheit kostet nicht nur Geld – sie kostet Zeit. Zeit für Pflege, Papierkram, Recherche, Arzttermine. Mein Tag beginnt um 5 Uhr morgens und endet meist um 21 Uhr. Dazwischen: Kinder versorgen, Haushalt, Papierkram, Einkaufen, Kochen, Therapiefahrten, spontane Schulabholungen. Ich habe Arthrose und mehrere Bandscheibenvorfälle – ich kann nicht ohne Pausen durcharbeiten.

Ich habe schlichtweg keine Zeit. Und dennoch bemühe ich mich so nachhaltig wie möglich zu leben.

Wer wenig hat, geht gewissenhafter damit um

Das wird gerne übersehen: Menschen mit kleinem Einkommen verschwenden in der Regel weniger. Kein dreimal jährlich in den Urlaub fliegen. Keine 100 m² Wohnung zu zweit. Keine Kleidung die nach einer Saison weggeworfen wird.

Wer wenig hat denkt zweimal nach bevor eins etwas kauft. Das ist keine Tugend – das ist Notwendigkeit. Aber es ist auch Nachhaltigkeit. Auch wenn es niemand so nennt.

Was wirklich zählt

Es ist vollkommen egal ob jemand vegan, vegetarisch oder mit Fleisch lebt. Was zählt sind die eigene Gesundheit und ein respektvoller Umgang mit Ressourcen. Wie das aussieht kann jeder nur für sich selbst beantworten.

Ein kluger Kopf sagte mir einmal: Es gibt viele gute Philosophien. Man kann sich aus jeder das Beste für sich herausholen – ohne daraus eine neue Religion zu machen und andere zu missionieren.

Hört auf gegeneinander zu wettern. Fangt an miteinander zu reden. Akzeptiert wenn jemand sagt: Das geht bei mir nicht. Derjenige wird seine Gründe haben.

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