Erstveröffentlicht: 1. April 2022 · Zuletzt überarbeitet: April 2026 · 2. Fassung
Dieser Artikel entstand im Frühjahr 2022 – kurz nach Beginn des Ukrainekriegs, als die Spritpreise explodierten und Sonnenblumenöl plötzlich aus den Supermarktregalen verschwand. Was damals passierte ist skurril, traurig und lehrreich zugleich. Und wer die Nachrichten verfolgt weiß: Ähnliche Muster wiederholen sich. Beim Ukrainekrieg war es Sonnenblumenöl und Weizen. Beim Irankonflikt sind es wieder Energiepreise und Lieferketten. Der Artikel ist deshalb aktueller denn je.
Ess ich’s oder tank ich’s? Die Lage 2022
Es kam kaum einer an dem Thema vorbei. Speiseöle wurden knapp – zumindest die günstigen. Genau jene Produkte die für Armutsbetroffene gerade noch so erschwinglich waren. Und so verrückt es klingt: Es gab tatsächlich Leute die sich Sonnenblumenöl in den Dieseltank schütteten um die explodierenden Spritpreise zu umgehen.

Kein Aprilscherz – auch wenn dieser Artikel am 1. April 2022 erschien.
Die Ukraine ist einer der weltweit größten Lieferanten für Sonnenblumen- und Rapsöl sowie Weizen. Durch den Krieg fiel dieser Lieferant weitgehend aus. Die Folge: Leere Regale, Rationierungen, Hamsterkäufe.
Sonnenblumenöl im Tank – Steuerhinterziehung
Das mag bei alten Dieselautos aus den 70ern theoretisch funktionieren. Moderne Motoren sind dafür nicht ausgelegt und nehmen dauerhaft Schaden. Aber noch wichtiger:
Pflanzenöl wird seit dem 1. Januar 2008 als Kraftstoff gemäß EnergieStG besteuert. Wer Speiseöl aus dem Supermarkt in den Tank kippt begeht Steuerhinterziehung – denn Diesel und Speiseöl werden unterschiedlich besteuert. Öl ist keine legale Alternative für hohe Spritpreise. (Quelle: HNA)
Pommes werden zum Luxus
Erste Gastronomen strichen damals Pommes von der Speisekarte um der Ölverknappung entgegenzuwirken. Ein Kölner Brauhaus machte den Anfang – Bratkartoffeln als Ersatz. Ich fand das richtig. Und die Verbraucherzentrale veröffentlichte damals einen hilfreichen Artikel zu Fetten und Ölen in der Küche – welches Öl wofür geeignet ist – der nach wie vor lesenswert ist.


Speiseöl reduzieren – so geht’s in der Küche
Fette sind Geschmacksträger Nummer eins. Ganz drum herumkommen wird eins kaum. Aber deutlich reduzieren – das geht.
Beschichtete Pfannen und Töpfe brauchen kaum noch Fett beim Anbraten. Eins muss sich etwas umgewöhnen – aber nach einer Weile klappt es wunderbar auch mit schönem Bratensatz. Wichtig: Hier nicht sparen. Billig gekauft ist teuer gekauft. Lieber auf ein gutes Stück sparen oder es sich schenken lassen.
Heißluftfritteuse – ein Teelöffel Öl reicht für Pommes, Rösti und Kartoffelecken. Die Fritteuse ist eher wie ein kleiner Backofen zu verstehen. Mit einem Teelöffel Öl kommt eins dem Frittiergeschmack erstaunlich nahe. Außerdem verbraucht sie weniger Strom als ein großer Backofen.
Ein Tipp den mir ein Freund damals gab: Kartoffelrösti in der Pfanne gebraten bekommen einen „Frittiergeschmack“ wenn sie nach dem Braten mit ein paar Tropfen Leinöl beträufelt werden.

Rezept: Zitronenöl mit pfeffriger Note
Ich hatte damals Bio-Zitronen geschenkt bekommen – und dieses Öl ist seitdem ein Liebling bei uns. Ideal für Salate, Fleisch und Fisch.
Zutaten:
- 6 unbehandelte Biozitronen (wichtig!)
- 6 kleine Chilischoten
- 1 EL weiße Pfefferkörner
- 1 EL rote Pfefferkörner
- 3 Blätter frischen Lorbeer
- 1 Liter neutrales Öl
- 1 Schraubglas mit 2 Liter Fassungsvermögen
Zubereitung: Zitronen mit heißem Wasser abwaschen, gut trockentupfen und einritzen. Längs halbierte Chilischoten zusammen mit den Gewürzen in das Glas geben, Zitronen darin schichten. Öl darüber bis alles bedeckt ist. Verschließen und 10 Tage an einem dunklen kühlen Ort ziehen lassen. Danach die Zitronen entnehmen und das Öl genießen.

Kartoffelgerichte als Pommes-Alternative
Pommes als Beilage wurde damals zum Luxus. Aber die tolle Knolle hat weit mehr zu bieten:
Pipi e Patate
Ein Rezept aus Kalabrien – galt als Arme-Leute-Essen weil es günstig und nahrhaft ist. Ich hab es ausprobiert und war begeistert. (Kleiner Hinweis: „Pipi“ ist das kalabrische Wort für Paprika oder Peperoni – eine Google-Übersetzung kann zu Lachkrämpfen führen. 😂*)*
Zutaten: Kartoffeln, Knoblauch, Paprika, Salz, Oregano, Olivenöl
Zubereitung: Kartoffeln kochen, pellen und in Scheiben schneiden. Paprika würfeln, Knoblauch pressen und beides in Olivenöl anbraten. Kartoffelscheiben dazu, goldbraun braten, salzen und mit Oregano abschmecken.

Bratkartoffeln aus gekochten Kartoffeln
Das erste Gericht das ich mit 12 Jahren selbstständig gekocht habe. Die Kartoffeln müssen kalt sein – das ist der Trick.
Zutaten: Gekochte kalte Kartoffeln, Zwiebeln, durchwachsener Speck, Salz, Pfeffer, Eier
Zubereitung: Kartoffeln würfeln. Speck und Zwiebeln fein würfeln und in der Pfanne auslassen. Kartoffeln und Zwiebeln dazu, würzen und goldbraun braten. Dazu Spiegeleier oder Eier direkt über die fertigen Bratkartoffeln geben und kurz fertig garen.
Bratkartoffeln aus rohen Kartoffeln
Anders als aus gekochten – brauchen etwas länger, sind nicht ganz so knusprig, aber köstlich. Auch beim Catering sehr beliebt.
Zutaten: Kartoffeln, Zwiebeln, Fett zum Braten, Salz, Pfeffer, Paprikapulver oder Pommessalz
Zubereitung: Kartoffeln schälen und in dünne Scheiben schneiden, sofort in kaltes Wasser legen. Zwiebeln würfeln. Kartoffeln abschütten, gut trockentupfen. Mit Zwiebeln, Gewürzen und etwas Öl vermengen und ziehen lassen. In heißem Fett anbraten, zugedeckt bei kleiner Flamme garen, zum Schluss nochmal kräftig aufbraten.

Kartoffelecken aus dem Backofen
Zutaten: Kartoffeln (festkochend), Salz, Pfeffer, Paprikapulver, Olivenöl, optional Rosmarin oder Oregano
Zubereitung: Kartoffeln mit Schale in Spalten schneiden, mit Gewürzen und Öl vermengen bis alles bedeckt ist. Auf Backpapier verteilen und bei 220 °C Ober-/Unterhitze (Umluft 200 °C) ca. 40 Minuten backen. Dazu passt Kräuterquark oder Crème fraîche.
Geschmorte Drillinge
Kleine Kartöffelchen die beim Catering immer sehr beliebt waren. Auch zu feinen Mahlzeiten passend.
Zutaten: Drillinge, Bratfett, Gewürzsalz für Kartoffelgerichte, optional Rosmarin oder Oregano
Zubereitung: Drillinge mit Schale kochen bis sie gar sind. Abkühlen lassen, dann in Bratfett mit Gewürzen schmoren bis sie eine schöne Farbe haben.

Was vom Bäcker übrig blieb – ein Zeugnis der Zeit
Ich habe damals jeden Donnerstag die Brottour für die Tafel gemacht – Bäckereien abfahren und übriggebliebenes Brot abholen. Es war spürbar weniger als sonst. Ein Bäcker erklärte mir:
„Der Chef backt nur noch ganz knapp. Das Mehl ist teurer geworden, der Strom, der Sprit – er will alles versuchen um unsere Arbeitsplätze zu erhalten. Wir werden wohl auch demnächst die Preise erhöhen müssen. Gestern hatten wir abends nicht mal mehr Brot in der Auslage – nachmittags war alles ausverkauft.“
Das war 2022. Die Tafeln begannen zu kämpfen – weniger Spendenware weil Supermärkte selbst weniger hatten, höhere Spritkosten für die Lieferwagen. Unser Tafelwagen kostete damals 176 € beim Tanken – Geld das eigentlich für andere Hilfen reserviert war.
Was bleibt
Wir ziehen mit unserem täglichen Leben eine Spur der Verwüstung durch die Erde – was immer wir tun hat Konsequenzen.
Vielleicht bringen uns solche Krisen dazu etwas bedachter mit Lebensmitteln umzugehen. Lebensmittel zu respektieren. Das ist uns in den vergangenen Jahrzehnten durch übermäßigen Konsum und ständige Verfügbarkeit abhanden gekommen.
Und vergesst dabei nicht jene, die hier in unserem reichen Land leben und trotzdem hungern. Das Bürgergeld reicht nicht. Es hat nie gereicht. Und in Krisenzeiten erst recht nicht.

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