Artikel zuerst veröffentlicht: August 2024 | Überarbeitet: Mai 2026
Es war eine Multiplikatorenschulung bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz e.V.. Ich saß im Publikum – was ich damals noch nicht wusste: Jahre später würde ich selbst dort als Dozentin für Armutssensibilisierung stehen. Aber das ist eine andere Geschichte.
An diesem Tag stand vorne ein Tisch. Auf der einen Seite ganz normale Lebensmittel: Magerquark, Eier, Linsen, Haferflocken. Auf der anderen Seite die Hochglanzwelt: High-Protein-Joghurt, Protein-Riegel, Eiweißpulver in bunten Dosen. Daneben die Preiszettel. Und dann die Rechnung.
Ich habe diesen Tisch nicht vergessen.
Seitdem schaue ich in Supermarktregale anders. Und seitdem sind die Regale voller geworden. High-Protein war erst der Anfang. Inzwischen gesellen sich Kollagen-Shots, Adaptogen-Kapseln und Pilze mit Namen wie aus einem Fantasy-Roman dazu. Alle versprechen dasselbe: mehr Gesundheit, mehr Energie, mehr von allem. Für entsprechendes Geld, versteht sich.
Schauen wir genauer hin.
Was High-Protein wirklich bedeutet
„High Protein“ klingt nach Wissenschaft. Ist aber vor allem Marketing – mit einer gesetzlichen Definition dahinter, die kaum jemand kennt.
Als „High Protein“ darf sich ein Lebensmittel bezeichnen, wenn mindestens 20 Prozent seines Energiegehalts aus Eiweiß stammen. Das klingt streng. Ist es aber nicht: Magerquark, normaler Naturjoghurt und Skyr erfüllen diese Anforderung alle – ganz ohne den Aufdruck und ganz ohne den Aufpreis.
Der durchschnittliche Tagesbedarf an Protein liegt laut Deutschen Gesellschaft für Ernährung bei etwa 0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht. Eine Person mit 70 kg braucht also rund 56 g Eiweiß täglich – eine Menge, die sich mit normaler Kost problemlos erreichen lässt.
Die Rechnung, die niemand macht

Selbst gemachtes High-Protein Trinkmüsli mit Joghurt, Haferflocken und Obst.
500 g Magerquark kosten im Discounter zwischen 79 Cent und 1,39 Euro und enthalten rund 65 g Protein. Das ergibt etwa 43 bis 47 g Protein pro Euro – ein außergewöhnlich gutes Verhältnis.
Ein vergleichbares High-Protein-Produkt kostet oft das Doppelte. Der Mehrwert pro Portion: etwa 6 g Eiweiß mehr. Dafür zahlt eins – je nach Produkt – 50 bis 100 Prozent mehr.
Wer seinen Eiweißbedarf günstig decken will, ist mit diesen Lebensmitteln bestens bedient:
• Magerquark (ca. 13 g Protein/100 g)
• Hülsenfrüchte wie Linsen und Kichererbsen (ca. 8–9 g/100 g gekocht)
• Eier (ca. 13 g/100 g)
• Haferflocken (ca. 13 g/100 g)
• Naturjoghurt (ca. 5 g/100 g)
• Tofu (ca. 8–10 g/100 g)
Kein buntes Etikett. Kein Sonderpreis. Und dieselbe Wirkung.
Drei eiweißreiche Rezepte ohne Hype-Aufpreis

Protein aus der eigenen Küche — ohne Aufpreis.
| Nährwerte – pro Muffin (ca. 12 Stück) | |
| Energie | 231 kcal |
| Kohlenhydrate | 31 g |
| Eiweiß | 7 g |
| Fett | 8,5 g |

Protein aus der eigenen Küche — ohne Aufpreis.
| Nährwerte – pro Portion (4 Portionen, mit Nüssen) | |
| Energie | 114 kcal |
| Kohlenhydrate | 9 g |
| Eiweiß | 4 g |
| Fett | 7 g |
„Steffi kocht ein“ hat da mal was ausprobiert. Protein-Brötchen. Meine Empfehlung: Folgen, gucken und nachbacken.
| Nährwerte – pro Brötchen (ergibt 8 Stück) | |
| Energie | 165 kcal |
| Kohlenhydrate | 28 g |
| Eiweiß | 9 g |
| Fett | 1,5 g |
Und dann kam Kollagen
Kaum war der High-Protein-Hype etabliert, folgte der nächste: Kollagen. In Pulverform für den Morgenkaffee, als Shot aus dem Kühlregal, in Gummibärchen, Kapseln und Cremes. Versprochen wird: glattere Haut, stärkere Gelenke, weniger Falten.
Kollagen ist tatsächlich ein wichtiger Stoff im Körper – ein Strukturprotein, das Haut, Sehnen und Bindegewebe stützt. Mit zunehmendem Alter produziert der Körper weniger davon. Soweit, so richtig.
Was aber passiert, wenn eins Kollagen schluckt? Der Körper zerlegt es im Verdauungstrakt in seine Einzelteile – Aminosäuren – und verwendet sie dort, wo er sie braucht. Ob das ausgerechnet in der Haut passiert, ist wissenschaftlich nicht gesichert.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat gesundheitsbezogene Aussagen über Kollagen in Lebensmitteln abgelehnt – mangels ausreichender wissenschaftlicher Belege. Eine Metaanalyse aus dem September 2025 kommt zum Ergebnis, dass es keinen klinisch gesicherten Effekt von Kollagen-Supplementen auf Hautalterung gibt. Positive Befunde aus älteren Studien verschwinden, sobald man unabhängige, hochwertige Untersuchungen heranzieht. Viele dieser Studien wurden zudem von den Herstellern selbst finanziert – was Fragen nach ihrer Neutralität aufwirft.

Die Tricks der Hersteller
Hersteller umgehen das Werbeverbot übrigens geschickt: Sie mischen Vitamine und Mineralstoffe unter das Kollagen – und bewerben dann diese Zusätze. Das Kollagen darf still mitreiten.
Wer seiner Haut etwas Gutes tun möchte, ist laut Dermatologen mit ausreichend Wasser, einer abwechslungsreichen Ernährung, Sonnenschutz und dem Verzicht auf Rauchen wesentlich besser bedient – und das kostet keinen Kollagen-Shot-Preis.
Ashwagandha, Lion’s Mane und die Welt der Adaptogene
Hier wird die Sprache besonders fantasievoll. Adaptogene – das klingt nach Zukunft, nach Biohacking, nach optimiertem Leben. Ashwagandha, Lion’s Mane (Igelstachelbart), Rhodiola, Reishi, Cordyceps. Stoffe, die der Überlieferung nach in der ayurvedischen und traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrhunderten eingesetzt werden.
Was davon ist belegt?

Eine Marktanalyse der Verbraucherzentrale NRW aus dem Jahr 2026 kommt zu einem ernüchternden Ergebnis:
Zu vielen Ashwagandha-Nahrungsergänzungsmitteln gibt es keine aussagekräftigen Studien, die Wirkung beim Menschen belegen.
Krankheitsbezogene Aussagen – Hilfe bei Kopfschmerzen, Linderung von Depressionen, Entzündungshemmung – sind für Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel ohnehin verboten.
Vieles, was Influencerinnen und Influencer versprechen, ist damit schlicht unzulässig.
Lion’s Mane, der flauschige Pilz des Jahres 2025
Lion’s Mane, der flauschige Pilz des Jahres 2025, wird vor allem für Konzentration und Gedächtnis beworben. Die Datenlage beim Menschen ist überschaubar: Die bisher verfügbaren klinischen Studien sind klein und kurz, größere Untersuchungen stehen noch aus. Wer eine gewisse Lebenserfahrung mitbringt, erinnert sich vielleicht an Ginkgo — dasselbe Versprechen, dieselbe Werbung, nur zwanzig Jahre früher. Tebonin lief im Fernsehen, die Präparate gehörten zu den meistverkauften rezeptfreien Mitteln in Deutschland. Die Studien, die seitdem erschienen sind, konnten den erhofften Effekt bei gesunden Menschen nicht eindeutig belegen. Das Regal wechselt. Das Muster bleibt.
Auch der Begriff „Adaptogen“ selbst ist übrigens nicht von der EFSA anerkannt – er ist ein Marketingbegriff ohne regulatorische Grundlage.
Das heißt nicht, dass hinter diesen Pflanzen und Pilzen nichts steckt. Aber es heißt: Das, was auf der Verpackung steht, ist nicht das, was die Wissenschaft bestätigt. Und der Preis spiegelt das Versprechen wider – nicht die Wirkung.
Was das alles gemeinsam hat
High-Protein, Kollagen, Adaptogene – das Muster ist dasselbe. Ein echter oder vermeintlicher Bedarf wird identifiziert. Ein Produkt wird entwickelt, das diesen Bedarf lösen soll. Influencerinnen bewerben es. Das Regal füllt sich. Der Preis steigt.
Was dabei oft vergessen wird: Der Körper ist keine Maschine, der eins einfach den richtigen Stoff nachkippt – und schon läuft alles rund. Guter Schlaf, ausreichend Bewegung, abwechslungsreiche Ernährung mit möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln – das ist keine glamouröse Botschaft. Aber es ist die, die sich in der Forschung immer wieder bestätigt.
Und Magerquark aus dem Discounter schlägt das meiste davon beim Protein pro Euro immer noch haushoch.
🔍 Verbraucherthemen – was steckt wirklich drin?
Diese Sammlung wird ständig ergänzt.
▶ Quellen & Nachweise
- Verbraucherzentrale: Kollagendrinks für die Schönheit (2025/2026)
- Verbraucherzentrale NRW: Ashwagandha in Nahrungsergänzungsmitteln, Marktcheck April 2026
- EFSA: Ablehnung gesundheitsbezogener Angaben zu Kollagen und Hyaluronsäure
- American Journal of Medicine: Metaanalyse Kollagen-Supplemente und Hautalterung (September 2025)
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte Protein
- geizkopf.de: Protein günstig – Quark, Bohnen, Eier (2025)
- naturheilverfahren.de: Ginkgo biloba – Wirkung und Studienlage
- Deutsche Apotheker Zeitung: Ginkgo im Kreuzfeuer der Kritik
- YouTube – Steffi kocht ein: Proteinbrötchen – TikTok-Rezept ausprobiert
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