Erstveröffentlicht: 25. April 2026 ·1. Fassung
Bürgergeld – Lebensmittel – Kochkurs: Manchmal klingelt das Telefon, und plötzlich sitze ich live beim Deutschlandfunk Kultur. Sechs Minuten Sendezeit – das klingt nach nicht viel. Und trotzdem wird mich das Gespräch noch tagelang beschäftigen. Nicht wegen der Aufregung, sondern wegen der Zahl, über die ich da gesprochen habe.
Das ganze Interview könnt ihr hier auf meinem YouTube-Kanal anschauen – mit Untertiteln für alle, die lieber lesen als hören:
Der Anlass: 25 Jahre Armuts- und Reichtumsbericht
Heute vor 25 Jahren legte die damalige Bundesregierung zum ersten Mal den Armuts- und Reichtumsbericht vor. Ein Bericht, der seitdem regelmäßig erscheint und eigentlich zeigen soll, wie es um soziale Gerechtigkeit in diesem Land steht. Genau an diesem Jahrestag hat Deutschlandfunk Kultur angerufen – und ich habe geredet. Über Kochkurse, über das tägliche Jonglieren mit Geld und über eine Zahl, die mich nicht loslässt.
195,36 Euro – und was das bedeutet
Menschen im Bürgergeld (SGB II) und in der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (SGB XII) haben pro Monat 195,36 Euro für Lebensmittel zur Verfügung.
Pro Monat.
Das sind 6,51 Euro pro Tag für alles, was in den Mund kommt. Klingt schon knapp – ist aber noch gar nicht das eigentliche Problem.
Das Deutschlandticket kostet vier bis fünf Mahlzeiten

Der Regelsatz berechnet Kosten für Mobilität, aber die reale Rechnung stimmt nicht. Die tatsächlichen Ausgaben liegen weit über 12 Euro mehr im Monat als vorgesehen (50,49 Euro). Das Deutschlandticket, das viele für Arbeit, Arzttermine oder die Schule der Kinder brauchen, frisst gleich drei bis vier Mahlzeiten. Jeden Monat, wieder und wieder.
Dazu der Strom: auch hier zahlen Betroffene deutlich mehr als der Regelsatz einplant.
Was bleibt also? Die Lebensmittelkosten. Der einzige Posten, an dem eins wirklich noch drehen kann. Und da wird dann gespart.
Wer tiefer einsteigen will, wie wenig der Regelsatz mit dem realen Leben zusammenpasst: „Was der Bürgergeld-Regelsatz wirklich kaufen kann“
Kein erhobener Zeigefinger
Was meine Kochkurse von anderen unterscheidet? Ich stehe nicht mit hocherhobenem Zeigefinger vorne und sage: „Ihr müsst das jetzt so machen, wie das da steht.“ Ich weiß, wovon ich rede – nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus dem eigenen Leben. Ich bin seit vielen Jahren als Alleinerziehende von Armut betroffen.
Und das merken die Leute. Meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer sagen mir manchmal, dass es sich anders anfühlt. Dass da jemand vorne steht, der nicht berät, sondern ermutigt. Ausprobieren, was für euch passt. Was bei mir funktioniert, muss nicht bei euch funktionieren – und das ist völlig okay.
Wer kommt zu den Kursen?
Querbeet, wirklich. Familien aus allen Gesellschaftsschichten. Manche kommen von der Tafel und bekommen dort regelmäßig Lebensmittel. Für diese Gruppe gibt es einen ganz geschützten Raum, damit sich niemand unwohl fühlen muss.
Andere sind Familien mit mittlerem Einkommen, die trotzdem merken: Am Ende des Monats reicht es vorne und hinten nicht. Armut hat viele Gesichter.
Wie das Thema Armut auch auf der Straße sichtbar wird – zum Beispiel bei der Demo – habe ich hier aufgeschrieben: „Armut sichtbar machen – die Kölner Demo“
Was mich wirklich beschäftigt

Weniger Versorgung – und das trifft die Ärmsten zuerst
Im Interview habe ich auch über die geplante Gesundheitsreform gesprochen. Nicht weil ich politisch sein will – sondern weil ich täglich sehe, was das für Menschen mit wenig Geld bedeutet.
Medikamente sind für viele schon jetzt kaum bezahlbar. Und wenn jetzt auch noch Psychotherapieplätze gestrichen werden sollen – gerade für Kinder und Jugendliche, die durch Corona und andere Krisen groß geworden sind –, dann ist das für mich keine abstrakte Haushaltsdebatte. Aktuell warten viele mindestens ein Jahr auf einen Platz. Manche Familien fahren dafür 100 Kilometer – eine Strecke.
Grundversorgung statt Gesundheitsversorgung
Was viele noch nicht wissen: Die Junge Union der CDU fordert aktuell für Menschen, die Leistungen nach SGB II (Bürgergeld) oder SGB XII (Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung) beziehen, einen eigenen „Gesundheitstarif“ – also eine stark eingeschränkte medizinische Versorgung. Was das konkret bedeuten würde, laut bisherigen Berichten: nur noch Notfallversorgung. Kein Zahnarzt außer im Notfall. Keine Physiotherapie. Keine Vorsorgeuntersuchungen.
Es handelt sich bisher um eine politische Forderung, kein beschlossenes Gesetz. Aber dass diese Diskussion überhaupt geführt wird – und das öffentlich, mit konkreten Vorschlägen –, sagt schon sehr viel darüber aus, wie über armutsbetroffene Menschen in diesem Land nachgedacht wird.
Wer das einführt, schafft keine Gerechtigkeit. Wer das einführt, schreibt eine Drei-Klassen-Gesellschaft in der Medizin fest: oben die Privatversicherten, in der Mitte die GKV-Versicherten – und ganz unten die Ärmsten, mit Notfallversorgung als einzigem Sicherheitsnetz.
Was das in der Praxis bedeutet – aus eigener Erfahrung
Ich habe das selbst einmal erlebt. Zu einer anderen Zeit, aus anderen Gründen. Die MTA einer Arztpraxis hat mir damals mitgeteilt, dass sich die Krankenkasse gemeldet hat – und dass der Arzt mich nur behandeln darf, wenn ich den Kopf unterm Arm trage. Ich habe damals gefragt, ob ich jetzt von der Brücke springen muss, um behandelt zu werden.
Das war keine Übertreibung. Ich war damals stark depressiv und wirklich verzweifelt. Ich brauchte Hilfe – und hatte gleichzeitig kleine Kinder, die ich versorgen musste.
Ich denke mit Grauen an diese Zeit zurück. Und aktuell, wenn ich lese, was gerade gefordert wird, kommen diese Gefühle wieder an die Oberfläche. Ich bin damit nicht allein.
Ich sage das nicht, um zu jammern
Ich sage es, weil es stimmt. Weil Menschen gerade jetzt in genau dieser Lage stecken. Und weil eine Gesellschaft, die ernsthaft über eine Notfallversorgung für die Ärmsten diskutiert, eine politische Wahl trifft – und keine wirtschaftliche Notwendigkeit.
💛 Du bist nicht allein – Hilfe ist da
Wenn die Gefühle größer werden als der Tag: Es gibt Menschen, die zuhören – kostenlos, anonym, rund um die Uhr.
Telefonseelsorge – Telefon
0800 111 0 111 |
0800 111 0 222
Kostenlos · anonym · 24 Stunden · 365 Tage · für Erwachsene
Telefonseelsorge – Online-Beratung (Chat & Mail)
onlineberatung-telefonseelsorge.de
Kostenlos · anonym · auch für Menschen, die lieber schreiben als reden
Krisenchat – per WhatsApp
krisenchat.de
Kostenlos · anonym · für Menschen unter 25 Jahren · per WhatsApp
Nummer gegen Kummer – für Kinder und Jugendliche
0800 111 0 333
Kostenlos · anonym · Mo–Sa 14–20 Uhr · für Kinder und Jugendliche
Nummer gegen Kummer – für Eltern
0800 111 0 550
Kostenlos · Mo–Fr 9–17 Uhr · für Eltern in belastenden Situationen
▶ Quellen
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – bmas.de
- BMAS: Bürgergeld-Regelbedarfe 2025/2026 nach SGB II und SGB XII – Pressemitteilung BMAS
- Deutschlandfunk Kultur, Studio 9: Interview mit Nicola Dülk vom 25. April 2026, 06:50 Uhr
- buergergeld.org: „Schock für Bürgergeld-Empfänger: CDU will Gesundheitsversorgung kürzen" – zum Artikel
- buergergeld.org: „Krankenkassen-Reform: Höhere Kosten, weniger Leistungen – was ab 2027 droht" – zum Artikel
- Deutsches Rotes Kreuz (DRK): Stellungnahme zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz – zum Artikel

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