Erstveröffentlichung: 19. April 2026 · Version 1.0
Samstag, am 18. April 2026, gingen 80.000 Menschen in Berlin, Hamburg, Köln und München auf die Straße. Für erneuerbare Energien. Für alle. Laut, bunt, organisiert. Großes Bündnis, große Bühne, große Medienresonanz.
Gut so. Wirklich.
Und gleichzeitig: Wir waren neun.
Neun Menschen demonstrierten am selben Samstag in Köln. Kein großes Bündnis. Keine Bühne. Keine Pressemitteilung. Nur neun Menschen, die sich jeden dritten Samstag im Monat am Breslauer Platz – hinterm Kölner Hauptbahnhof – treffen. Von 14 bis 16 Uhr. Bei Wind und Wetter. Für die, die in diesem Land unsichtbar sind.
Für rund 33,4 Millionen Menschen.
Das sind 40 Prozent der Bevölkerung Deutschlands. 40 Prozent von 83,5 Millionen.
Und auf diese 33,4 Millionen kamen gestern: neun Leute.
Heikes Einschätzung zur Lage
Steigende Preise 2026: Was der Irankrieg mit dem Supermarkt zu tun hat
Die Schließung der Straße von Hormus treibt die Energiepreise. Kerosin wird knapp, Benzin wird teurer, und die Reaktionen darauf kreisen vor allem um Flugreisen und Tankfüllungen.
Dabei ist das Problem für einen großen Teil der Bevölkerung ein anderes: Die Preise im Supermarkt ziehen bereits an. Wer die Inflationswelle der Corona-Jahre noch in Erinnerung hat, weiß, was das für Menschen mit kleinen Einkommen bedeutet.
Immer eine neue Gruppe: Das Muster der Spaltungspolitik
Gleichzeitig läuft eine politische Debatte, die einem bekannten Muster folgt. Zuerst standen Ausländer im Fokus, dann Bürgergeldempfänger, dann Menschen mit Behinderung. Jetzt sind es Personen mit Teilzeitkrankschreibungen. Das Ziel der Kritik wechselt. Die Richtung bleibt dieselbe: Gruppen werden gegeneinander ausgespielt, anstatt die strukturellen Ursachen zu benennen.
Dieser Abbau sozialer Leistungen ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und er trifft Menschen, die ohnehin wenig haben, als erste.
Solidarität statt Schweigen: Was jetzt gefragt ist
Was dagegen hilft, ist keine Frage von Parteipolitik. Es ist eine Frage von gegenseitiger Unterstützung: nachbarschaftlicher Solidarität, gemeinsamen Räumen, dem Blick füreinander. Die Gewerkschaften rufen zur Demo. Soziale Organisationen sind aktiv. Und wer kann, unterstützt die, die es gerade nicht können.
Was die Zahlen sagen – und was sie verschweigen
Was 195,36 Euro bedeuten – eine Rechnung, die nicht aufgeht
Drei Zahlen beschreiben die Lage: Lebensmittelpreise stiegen von 2020 bis 2024 um rund 36 Prozent. Der Regelsatz im SGB II und SGB XII stieg im selben Zeitraum um 30 Prozent. Die Lücke dazwischen ist keine Kleinigkeit – sie ist strukturell.
Das Monatsbudget für Essen und Trinken bei alleinlebenden Bürgergeldbeziehenden beträgt 195,36 Euro. Das sind 6,51 Euro pro Tag – aufgeteilt auf drei Mahlzeiten ergibt sich: rund 90 Cent fürs Frühstück, 1,80 Euro fürs selbst gekochte Mittagessen, 1,50 Euro fürs Abendessen. Für Snacks, Getränke und eine kleine Reserve bleiben 2,31 Euro.
Das Besondere an diesem Budget: Es ist der einzige flexible Posten im Regelsatz. Alle anderen Ausgaben übersteigen die vorgesehenen Beträge regelmäßig – und der Fehlbetrag landet auf dem Lebensmitteletat.
Wie du mit kleinem Budget trotzdem gut und abwechslungsreich kochen kannst, zeige ich dir im Artikel Lecker und günstig leben.

563 € für alles – und wer spart, spart zuerst beim Essen. Quelle: BMAS / tacheles-sozialhilfe.de
Das Deutschlandticket kostet 63 Euro
Im Regelsatz sind für Mobilität 50,49 Euro vorgesehen. Die Differenz von 12,51 Euro entspricht vier bis fünf Mahlzeiten pro Monat.
Strom und Energie: 47,72 Euro kalkuliert, 70–90 Euro real.
Wer keinen Anbieterwechsel vornehmen kann – und das können viele nicht –, zahlt im Grundversorgungstarif bis zu 60 Prozent mehr als andere. Die Differenz geht vom Essen ab.
Energie beim Kochen sparen – wie das konkret geht, erkläre ich im Artikel Kochsack selber nähen.
Gesundheit: 21,49 Euro vorgesehen.
Zwei Rezeptzuzahlungen genügen, um diesen Betrag nahezu aufzubrauchen. Zahnarzt, Sehhilfen, rezeptfreie Medikamente: kommen obendrauf, gehen vom Essen ab.
Kommunikation: 50,34 Euro.
Wer keinen Mobilfunkvertrag bekommt, zahlt mit Prepaid-Karte häufig den doppelten Preis. Zur Monatsmitte haben viele weder Telefon noch Internetzugang.
Das Ergebnis dieser Rechnung zeigt sich im Warenkorb-Vergleich: Was 2019 für 100 Euro eingekauft werden konnte, hatte 2024 nur noch einen Gegenwert von 70 Euro. 30 Prozent weniger Kaufkraft bei gleichem Geldbetrag.
Wer Vorräte anlegt, ist bei Preissteigerungen besser geschützt – alles dazu im Artikel Einkochen und haltbar machen.
Armut kostet Zeit, Nerven und Geld – von allem zu wenig.
Jobcenter-Darlehen für eine Waschmaschine werden mit 5 Prozent monatlich vom Regelsatz zurückgezogen – rund 28 Euro. Der im Regelsatz vorgesehene Anspar-Betrag für eine Waschmaschine: 2,02 Euro pro Monat.
Drei günstige Wasserkocher zu je 8 Euro, die nach einem Jahr kaputt gehen, kosten auf Dauer mehr als ein stabiles Gerät für 30 Euro. Wer keinen Puffer hat, kauft trotzdem das billigere. Laut DGB und GfK-Konsumklima (2023) haben rund 40 Prozent aller Haushalte finanzielle Sorgen – nicht nur Bürgergeldbeziehende, sondern Haushalte der gesamten unteren und mittleren Einkommensgruppen.
Behinderung und Armut: Was geplante Kürzungen konkret bedeuten
Menschen mit Behinderung: Armutsrisiko doppelt so hoch
Zum Jahresende 2023 lebten in Deutschland rund 7,9 Millionen Menschen mit schwerer Behinderung – das entspricht 9,3 Prozent der Gesamtbevölkerung (Destatis). Laut dem Teilhabebericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales liegt das Armutsrisiko von Menschen mit Behinderung bei 20 Prozent – deutlich höher als im Bevölkerungsdurchschnitt.
70 Kürzungsvorschläge: Was Bund, Länder und Gemeinden planen
Ein internes Papier einer Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Gemeinden enthält 70 Kürzungsvorschläge, die Menschen mit Behinderungen direkt betreffen. Darunter: Individuelle Rechtsansprüche auf Schulbegleitung sollen gestrichen, das Wunsch- und Wahlrecht von Menschen mit Behinderungen eingeschränkt werden.
Barrierefreier ÖPNV: Gesetzlich vorgeschrieben, in der Realität nicht vorhanden
Einer der Vorschläge: Fahrdienste streichen, stattdessen den ÖPNV nutzen. Das Problem dabei: Busse, U-Bahnen und Straßenbahnen sollten seit Anfang 2022 vollständig barrierefrei zugänglich sein – die Realität sieht an vielen Orten anders aus. Der Paritätische Gesamtverband kritisiert diesen Vorschlag als nicht flächendeckend umsetzbar, solange der ÖPNV nicht barrierefrei ist.
Persönliches Budget und selbstbestimmtes Leben: Auf der Abschussliste
Barrierefreie Wohnungen: Wartezeiten von bis zu zehn Jahren sind keine Ausnahme. Das Persönliche Budget – das Recht von Menschen mit Behinderung, selbst zu entscheiden, wer sie unterstützt – soll nach aktuellen Planungen eingeschränkt werden. Für Menschen mit hohem Assistenzbedarf kann das Heimunterbringung statt selbstbestimmtem Leben bedeuten.
UN-Behindertenrechtskonvention: Recht auf Papier – ohne ausreichende Mittel
Kürzungen bei Assistenz, Fahrdiensten, Hilfsmitteln und Schulbegleitung sind keine abstrakten Haushaltsfragen. Sie entscheiden darüber, ob Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – oder nicht. Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet Deutschland, die Rechte und die Teilhabe von Menschen mit Behinderung aktiv zu sichern.
Die 60 Prozent: Einen Schicksalsschlag entfernt

Vielleicht denkst du jetzt: Ich bin nicht betroffen. Ich arbeite. Ich komme klar.
Gut. Das ist schön. Aber hör zu.
Die Bertelsmann Stiftung hat untersucht, wie stabil die Mitte wirklich ist. Ergebnis: Zwischen 2014 und 2017 rutschten 22 Prozent der unteren Mittelschicht in die untere Einkommensgruppe – arm oder von Armut bedroht. Jeder Fünfte. Innerhalb von vier Jahren. In einer Zeit, in der die Wirtschaft noch wuchs.
Die Hans-Böckler-Stiftung (WSI-Verteilungsbericht 2025) rechnet es vor: Knapp 47 Prozent der oberen Mittelschicht fürchten, ihren Lebensstandard zukünftig nicht mehr halten zu können.
Fast die Hälfte der oberen Mitte. Die 60 Prozent, die heute noch nicht in finanziellen Sorgen stecken, sind im Durchschnitt einen Schicksalsschlag entfernt. Eine schwere Krankheit. Eine Kündigung. Eine Trennung. Ein Pflegefall in der Familie. Das System fängt nicht auf. Das System sortiert aus.
9 gegen 3,7 Millionen
80.000 Menschen demonstrierten gestern für erneuerbare Energien. Das ist gut und richtig – auch das Thema Energiekosten trifft Armutsbetroffene zuerst und am härtesten. Keine Kritik daran.
Aber: 80.000 Menschen sind 0,096 Prozent der Bevölkerung. Auf jeden Demonstrierenden kamen 1.044 Menschen, für die mitgedacht wurde.
Unsere neun Demonstrierenden stehen für 33,4 Millionen Menschen. Das bedeutet: Auf jeden von uns kommen 3,7 Millionen Betroffene, die nicht auf der Straße waren.
Nicht weil ihnen das Thema egal wäre. Sondern weil Armut lähmt. Weil Armut isoliert. Weil Armut beschämt – obwohl sie keine persönliche Schuld ist, sondern ein politisches Versagen. Weil eins, wenn eins den ganzen Tag mit dem Kopf rechnet, ob das Geld bis Monatsende reicht, keine Kraft mehr hat für Transparente und Trillerpfeifen.
Das ist die eigentliche Gewalt von Armut. Sie macht stumm.
#IchBinArmutsbetroffen #ArmTrotzArbeit #ArmutVerbindet #armutsbetroffen #Köln #SozialeGerechtigkeit #Kaufkraft #Armut
Komm zur nächsten Demo

Wir stehen da. Jeden dritten Samstag im Monat.
Am Breslauer Platz, hinterm Kölner Hauptbahnhof. Von 14 bis 16 Uhr.
Klein. Beharrlich. Laut in der Stille.

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Eure Pinf
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